Einfachen Arbeiten sind kaum Grenzen gesetzt
Artikel aus dem Jahr 2008
Zeitbank: Das erprobte Tauschring-Prinzip soll erweitert werden
Martin Schmidt-Bredow glaubt an Japan und Österreich. In Vorarlberg funktioniert es seit zwölf Jahren, in Japan wurde das System vor 15 Jahren eingeführt und hat aktuell 265 000 registrierte Mitglieder. In München fängt Schmidt-Bredow mit seiner Zeitbank fast bei Null an: Am Ackermannbogen gibt es bereits eine erste Zelle, in Giesing soll das zweite Standbein verankert werden. „Zeit gegen Zeit” heißt das Motto, es ist eine Erweiterung des erprobten Tauschring-Prinzips. Doch anders als bei etablierten Tauschringen liegt der Zeitbank der Gedanke des Ansparens zugrunde. Eine Stunde, die heute in Gartenarbeit investiert wird, kann auch in zehn Jahren noch abgerufen werden. Kredite gibt es nicht, die Inflation ist ausgeblendet.
Denn eine Stunde ist eine Stunde. Glühbirnen eindrehen gegen Kinder beaufsichtigen, Hausaufgabenhilfe gegen Einkäufe besorgen – sofern sich Angebot und Nachfrage treffen, sind bei einfachen Tätigkeiten kaum Grenzen gesetzt. „Das Guthaben kann auch für Krankheit oder Alter angespart werden”, erläutert Schmidt-Bredow. Kompliziertere Tätigkeiten, die etwa von Handwerkern angeboten werden, eignen sich indes nicht für die Zeitbank: So muss auch nicht diskutiert werden, was mehr wert ist – eine Stunde Elektro- oder Sanitärinstallation. Die Stunde wird dabei derzeit mit acht Euro bewertet. Wer sich nicht selbst einbringen will oder kann, darf sie für diesen Betrag auch kaufen.
Um das Buchen und Sparen abwickeln zu können, haben sich die Initiatoren Schmidt-Bredow und Joyce Mayer in eineinhalbjähriger Vorarbeit um die Entwicklung einer entsprechenden Software gekümmert, haben als Träger einen gemeinnützigen Verein gegründet und Anlaufstellen etabliert. Während am Ackermannbogen seit Juli im Nachbarschaftsbüro am Rosa-Aschenbrenner-Bogen 9 beraten, registriert und gebucht werden kann, steht in Giesing der Stadtteilladen an der Tegernseer Landstraße zur Verfügung. Die Erfahrungen aus ähnlichen Projekten legen ein ortsbezogenes Netz nahe. Ab 40 Teilnehmer mache es Sinn, am Ackermannbogen sei mittlerweile die Hälfte beisammen. Schmidt-Bredow weiß auch, dass die knapp 50- bis 70-Jährigen am aufgeschlossensten reagierten. Kein Wunder, haben sie doch eher Zeit und rechnen sich Vorteile für den eigenen Lebensabend aus.
Ohne Vertrauen geht es nicht: Denn wer Zeit einzahlt, muss daran glauben, dass das Guthaben auch in 20 Jahren noch abrufbar ist, die Zeitbank also nicht bankrott gemacht hat. Initiator Schmidt-Bredow ist zuversichtlich: Die demographische Entwicklung werde das System unterstützen, ein noch zu gründender Beirat solle den ordnungsgemäßen Umgang mit den Ein- und Auszahlungen überwachen. Gewinn werde zudem nicht aus dem System gezogen, nur 50 Cent jeder gebuchten Stunde zu acht Euro wird für die Verwaltung ausgegeben – dazu kommt allerdings eine monatliche Teilnehmer-Gebühr von drei Euro. Geld, das nicht jeder hat. Über Sponsorenmodelle bei Bedürftigkeit wird jedoch bereits nachgedacht.
Für Ulrike Lierow vom Giesinger Stadtteilladen passen die Ziele der Zeitbank und des Förderprogramms „Soziale Stadt” exzellent zusammen. In beiden Fällen gehe es darum, Nachbarschaftskontakte zu knüpfen. Die großstadtgerechte Form, sich gegenseitig zu helfen, soll dabei auf dem sozialen Feld möglichst gut vernetzt werden. Karin Majewski, Moderatorin des sozialen Vernetzungsprojekts Regsam, kann sich Kooperationen mit bestehenden Akteuren wie der Pflege- und der Hauswirtschaftsbörse, den Alten- und Servicezentren sowie den Sozialstationen vorstellen. „Die Währung Geld schließt viele aus”, sagt Majewski, mit einem auf Zeit basierenden System könne man aber alle erreichen. Nicht zuletzt diejenigen, die sich bisher nur für Gottes Lohn engagieren. Joyce Mayer: „Wir wollen auch eine Aufwertung des klassischen Ehrenamts.”
© bei Thomas Kronewiter
Zum Weiterlesen:
- Zeitbank am Ackermannbogen
- Zeitbank im Internet (externer Link
)